METRONAUT

MOSKAU 2010

In den Jahren 2009 und 2010 war ich häufiger in Moskau. Ich durfte die Stadt schon 1992 besuchen, aber erst jetzt gab es Zeit, sie mit Ruhe zu erkunden. Ich las Karl Schlögels Terror und Traum und Moskau lesen und begann, Moskau als eine Stadt zu sehen, in der sich große Zukunftsentwürfe, Gewaltgeschichte, gewöhnlicher Alltag und das Gefühl des Zerbrochenen eigentümlich überlagern. Besonders die im Westen wenig bekannte Metro faszinierte mich. Ihre frühen Stationen waren als Paläste gebaut worden. Bevor die Sowjetunion ihre Zukunft im Kosmos suchte, hatte sie sie unter der Erde gesucht. Die frühen Stationen waren teils modern, Art déco, spätere wurden immer historisierender. Im täglichen Betrieb lagen viele dieser Räume in einem schummrigen Licht, ihre Wirkung konnte sich nicht recht entfalten. Ich fragte mich, wie sie aussehen würden, wenn man das, was in ihrer Architektur angelegt war, wieder sichtbar machte. In 2009 and 2010, I spent a good deal of time in Moscow. I had first had the chance to visit the city in 1992, but only now did I have the time to explore it at leisure. I read Karl Schlögel’s Terror und Traum and Moskau lesen and began to see Moscow as a city in which grand visions of the future, a history of violence, ordinary everyday life and a sense of something broken overlapped in peculiar ways. I was particularly fascinated by the Metro, then still little known in the West. Its early stations had been built as palaces. Before the Soviet Union sought its future in space, it had looked for it underground. Some of the earliest stations were modern, influenced by Art Deco; later ones became increasingly historicist. In everyday operation, many of these spaces lay in dim light, unable quite to reveal their full effect. I wondered what they would look like if what was inherent in their architecture could be made visible again.

Aus diesem Gedanken entstand Metronaut. Ich wollte diese Räume fotografisch zum Leuchten bringen – nicht, um die Welt zu verherrlichen, aus der sie hervorgegangen waren. Hammer und Sichel, Helden der Arbeit, Marmor, Mosaiken und Kronleuchter gehörten zu einem politischen System, dessen Gewaltgeschichte sich nicht vom gebauten Pathos trennen lässt. Doch natürlich lassen sich die Bilder als Verherrlichung lesen, was ich damals in Kauf genommen habe. Ich wollte keine düsteren, gebrochenen Aufnahmen, die nur bestätigen, was den Alltag dort und das auswärtige Bild des Landes ohnehin prägte. Ich wollte die in den Räumen eingeschriebene Idee zeigen, den neben dem Terror auch vorhandenen Traum. That idea became Metronaut. I wanted to make these spaces glow through photography – not to glorify the world from which they had emerged. Hammer and sickle, heroes of labour, marble, mosaics and chandeliers belonged to a political system whose history of violence cannot be separated from its architectural pathos. But of course the photographs can be read as a form of glorification, and that was a risk I consciously accepted at the time. I did not want to make dark, fractured images that merely confirmed what already shaped everyday life there and the country’s image abroad. I wanted to show the idea inscribed in these spaces: the dream that existed alongside the terror.

Die Bilder entstanden zugleich in einer Zeit, in der ein anderes Verhältnis zu Russland noch möglich schien. Austausch, Neugier und Annäherung hatten einen selbstverständlichen Wert; eine freundliche Geste musste nicht mit Zustimmung verwechselt werden. Metronaut war in diesem Sinne gemeint: als Versuch, etwas Schönes und Fremdes ernst zu nehmen, ohne es zu verklären. Heute haben die Fotografien für mich deshalb noch eine zweite Zeitebene. Sie zeigen die Moskauer Metro im Sommer 2010, wie sie vielleicht siebzig Jahre früher einmal gedacht war, aber ebenso einen Moment zwischen Russland und dem Westen, der schon heute sehr weit entfernt wirkt. The photographs were also made at a time when a different relationship with Russia still seemed possible. Exchange, curiosity and rapprochement had an obvious value; a gesture of goodwill did not have to be mistaken for approval. Metronaut was intended in that spirit: as an attempt to take something beautiful and unfamiliar seriously without romanticising it. Today, the photographs therefore have a second temporal layer for me. They show the Moscow Metro in the summer of 2010, perhaps as it had once been imagined seventy years earlier, but they also show a moment between Russia and the West that already feels very far away.

BilderImages

MAJAKOWSKAJA IMAYAKOVSKAYA I · МАЯКОВСКАЯ I
MAJAKOWSKAJA IIIMAYAKOVSKAYA III · МАЯКОВСКАЯ III
MAJAKOWSKAJA IIMAYAKOVSKAYA II · МАЯКОВСКАЯ II
KIEWSKAJA IIIKIYEVSKAYA III · КИЕВСКАЯ III
KIEWSKAJA IKIYEVSKAYA I · КИЕВСКАЯ I
KOMSOMOLSKAJA IIIKOMSOMOLSKAYA III · КОМСОМОЛЬСКАЯ III
KOMSOMOLSKAJA IIKOMSOMOLSKAYA II · КОМСОМОЛЬСКАЯ II
ROLLTREPPE IESCALATOR I · ЭСКАЛАТОР I
TAGANSKAJA ITAGANSKAYA I · ТАГАНСКАЯ I
NOWOKUSNEZKAJA INOVOKUZNETSKAYA I · НОВОКУЗНЕЦКАЯ I
NOWOSLOBODSKAJA INOVOSLOBODSKAYA I · НОВОСЛОБОДСКАЯ I
PAWELEZKAJA IIPAVELETSKAYA II · ПАВЕЛЕЦКАЯ II
PAWELEZKAJA IIIPAVELETSKAYA III · ПАВЕЛЕЦКАЯ III
PLOSCHTSCHAD REVOLUZII IIPLOSHCHAD REVOLYUTSII II · ПЛОЩАДЬ РЕВОЛЮЦИИ II
ROLLTREPPE IVESCALATOR IV · ЭСКАЛАТОР IV
DOBRYNINSKAJA IDOBRYNINSKAYA I · ДОБРЫНИНСКАЯ I
ROLLTREPPE IIIESCALATOR III · ЭСКАЛАТОР III
ZUG ITRAIN I · ПОЕЗД I
PAWELEZKAJA IVPAVELETSKAYA IV · ПАВЕЛЕЦКАЯ IV
PAWELEZKAJA VPAVELETSKAYA V · ПАВЕЛЕЦКАЯ V

AusstellungenExhibitions

BERLIN 2011 · BERN 2012

Metronaut wurde 2011 im Café Moskau in Berlin erstmals gezeigt; 2012 folgte eine zweite Ausstellung im Kornhausforum Bern. Metronaut was first shown in 2011 at Café Moskau in Berlin; a second exhibition followed in 2012 at the Kornhausforum in Bern.

CAFÉ MOSKAU, BERLIN
2011

Die erste Ausstellung von Metronaut fand im Sommer 2011 im Café Moskau an der Karl-Marx-Allee statt. Gezeigt wurden 18 großformatige Fotografien. Während des Ausstellungsmonats kamen rund 4.000 Besucher. The first Metronaut exhibition took place in the summer of 2011 at Café Moskau on Karl-Marx-Allee. Eighteen large-format photographs were shown. Around 4,000 visitors came during the month of the exhibition.

Die Ausstellung fand breite Medienresonanz – von taz, Berliner Zeitung, Spiegel, rbb und Deutscher Welle über ZEIT Online, Capital und die Financial Times Deutschland bis zu BauNetz, Bauwelt und dem Goethe-Institut. The exhibition received broad media coverage – from taz, Berliner Zeitung, Spiegel, rbb and Deutsche Welle to ZEIT Online, Capital and the Financial Times Deutschland, as well as BauNetz, Bauwelt and the Goethe-Institut.

KORNHAUSFORUM, BERN
2012

Auf Initiative der RBS kam die Ausstellung 2012 nach Bern. Dort wurde sie im Kornhausforum erneut gezeigt. At the initiative of RBS, the exhibition travelled to Bern in 2012, where it was shown again at the Kornhausforum.

KatalogCatalogue

METRONAUT – Fotografien aus der Moskauer Metro
64 Seiten · 33 × 24 cm · 30 Fotografien
METRONAUT – Photographs from the Moscow Metro
64 pages · 33 × 24 cm · 30 photographs

Der 64-seitige Katalog umfasst 30 Fotografien, darunter sämtliche Ausstellungsbilder, einen Text zur Entstehung des Projekts, kurze technische Erläuterungen zur Fotografie sowie Karl Schlögels Kapitel Metro aus Moskau lesen. The 64-page catalogue features 30 photographs, including all works shown in the exhibitions, a text on the origins of the project, brief technical notes on the photography, and Karl Schlögel’s chapter Metro from his book Moscow.

AUS DEM KATALOG · 2010FROM THE CATALOGUE · 2010

Anfang des Jahres 2010 bemerke ich, wie schön es wäre, Moskaus Metro fotografisch zu erkunden. Ich ahne nicht, was für ein Projekt daraus entstehen wird. Einige Monate und gut fünfzig – im Übrigen nicht von mir geführte – Telefonate später habe ich ein mehrseitiges Erlaubnisschreiben in den Händen, gültig für zwei Wochen und zwanzig nach langen Diskussionen ausgewählte Stationen, unterschrieben vom Metrovorstand und mit einem beeindruckend großen Stempel verziert. Falls jemand frage, könne ich dies einfach zeigen, erklärt mir die fröhliche Dame aus der Mosmetro-Zentrale. Außerdem bekomme ich in Berlin einen kleinen Metro-Bildreiseführer des Planeta-Verlags von 1986 geschenkt, der mich gleich auf der ersten Seite heroisch einstimmt:

»In jener frühen Morgenstunde, da der lange und der kurze Zeiger des Glockenspiels des Kremls eine vertikale Linie bilden, da über Moskau ein neuer Tag anbricht, öffnen sich in den verschiedenen Bezirken Hunderte Tore einer wunderbaren Stadt in der Stadt, der Moskauer Metro ›W. I. Lenin‹. Wo auch immer Sie wohnen mögen, woher auch immer Sie in die Hauptstadt der Sowjetunion kommen mögen, stets wird Sie ihr Weg zu diesen Toren führen. Stoßen Sie sie auf, betreten Sie die lichten weiten Hallen, benutzen Sie die Rolltreppe, und Sie gelangen in unterirdische Paläste.« (Aus: Die Moskauer Metro, Bildreiseführer, Verlag Planeta, Moskau 1986.)

Im August mache ich mich an die Arbeit. Die Temperaturen nähern sich 40 Grad und übersteigen sie in meiner Unterkunft auch nachts noch, was den zuverlässigen Energiedienstleister Mosenergo nicht daran hindert, durchgehend das Badezimmer zu heizen. So wird die Erkundung der Metro trotz Menschenmassen und schwerer Ausrüstung fast eine Erfrischung. Der einzige Haken ist die Bürokratie. Bereits in der ersten Station werde ich zunächst von einem, dann zweien, wenig später von drei Milizionären nach meiner Erlaubnis gefragt und schließlich von der ärgerlichen Stationsvorsteherin zurechtgewiesen, mich unbedingt vorher bei ihr zu melden.

Einen Halt später werde ich bei allen Aufnahmen von einer Aufsichtsperson begleitet, die die dort offenbar ad hoc entstandene Auflage überwacht, keine einfahrenden Züge zu fotografieren. An einer anderen Station muss ich zunächst festlegen, wie viele Fotos ich dort plane; die Zahl sei sehr wichtig. Nach vier Telefonaten werden immerhin drei Bilder genehmigt.

Ein paar Stopps weiter führt man mich in die Zentrale der Miliz, prüft meinen Ausweis, telefoniert mehrfach mit verschiedenen Dienststellen und trägt schließlich alles akribisch in ein kleines schwarzes Buch der besonderen Vorkommnisse ein. In einer anderen Station unterrichte ich zwar die Stationsleitung, versäume dies aber bei der Rolltreppenaufsicht, so dass meine gezückte Kamera umgehend eine Lautsprecherdurchsage mit ausdrücklichem Fotoverbot zur Folge hat. Ein Milizionär stellt fest, dass meine Genehmigung nur für einen gewissen Bernhard Ludewig gelte: Ihren Pass! In dieser Form wurde schon der Teufel in Meister und Margarita darum gebeten. Als ich den nicht sofort finde, akzeptiert der Mann allerdings auch meine Kreditkarte. Zuletzt fährt mich eine ältere Dame in Zivil an, was mir einfalle, Fotos zu machen. Ich bitte um Verzeihung und zücke meine Genehmigung, die sogleich geprüft wird. Derlei hätte ich gefälligst vorher bei der Stationsvorsteherin anzumelden, weist sie mich zurecht. Das habe ich doch getan, verteidige ich mich. »Iswinitje!«, ruft sie wütend – und läuft zur Stationsaufsicht, um ihre Kollegin abzulösen.

At the beginning of 2010, it occurs to me how interesting it would be to explore the Moscow Metro through photography. I have no idea what kind of project this will become. A few months and well over fifty telephone calls later – none of them, incidentally, made by me – I am holding a multi-page permit, valid for two weeks and for twenty stations selected after lengthy discussions, signed by the Metro management and adorned with an impressively large stamp. If anyone asks, I can simply show them this, the cheerful lady at Mosmetro headquarters explains. Back in Berlin, I am also given a small illustrated guide to the Metro, published by Planeta in 1986, which sets an appropriately heroic tone on its very first page:

“In that early morning hour, when the long and short hands of the Kremlin clock form a vertical line and a new day dawns over Moscow, hundreds of gates open in the city’s various districts onto a wonderful city within the city: the Moscow Metro ‘V. I. Lenin’. Wherever you may live, wherever you may have come from to the capital of the Soviet Union, your path will always lead you to these gates. Push them open, enter the bright, spacious halls, take the escalator, and you will descend into underground palaces.” (From: The Moscow Metro, illustrated travel guide, Planeta Publishers, Moscow 1986. Translation from the German edition.)

In August, I set to work. Temperatures are approaching 40 degrees and remain above that in my accommodation even at night, which does not prevent the dependable energy supplier Mosenergo from heating the bathroom around the clock. Exploring the Metro, despite the crowds and heavy equipment, thus becomes almost refreshing. The only snag is the bureaucracy. At the very first station I am asked for my permit first by one, then by two, and shortly afterwards by three militia officers, before finally being reprimanded by the irritated station manager for failing to report to her in advance.

One stop later, I am accompanied throughout my shoot by a supervisor whose task is to enforce an apparently ad hoc rule forbidding me to photograph arriving trains. At another station, I first have to specify how many photographs I intend to take; the number, I am told, is very important. After four telephone calls, three pictures are eventually approved.

A few stops further on, I am taken to the militia headquarters, where my identification is checked, several calls are made to various other offices, and everything is finally entered with meticulous care into a small black book of special incidents. At another station, I duly inform the station management but neglect to notify the escalator supervisor, so that the moment I raise my camera an announcement is made over the loudspeakers explicitly prohibiting photography. One militia officer observes that my permit applies only to a certain Bernhard Ludewig: Your passport! The devil himself is asked for his papers in much the same manner in The Master and Margarita. When I cannot immediately find mine, however, the officer is willing to accept my credit card instead.

Finally, an elderly woman in plain clothes accosts me and demands to know what I think I am doing taking photographs. I apologise and produce my permit, which she immediately examines. I should have reported such a thing to the station manager beforehand, she tells me sharply. But I have, I protest. “Izvinite!” she cries angrily – and hurries off to the station office to relieve her colleague.

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METRONAUT.NET
2011

Für die Berliner Ausstellung entstand eine dreisprachige Projektwebsite, gestaltet nach Motiven des Moskauer Metrosystems. Sie ist weitgehend im damaligen Zustand erhalten. A three-language project website, designed around motifs of the Moscow metro system, was created for the Berlin exhibition. It has been largely preserved in its original state.